Universität KonstanzExzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“

Kulturgrenzen im transnationalen Kontext (Bosnien-Herzegowina/Westukraine)

26. November 2009

Plakat

Der Workshop knüpft inhaltlich an die Projekte „Grenzerzählungen in transnationalen Räumen – Ostgalizien 19./20. Jahrhundert“ und „Sprache und Politik. Literatur, Film und Philosophie im Jugoslawien der 60er und 70er Jahre“ an, die am Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ bearbeitet werden.

Der Workshop konzentriert sich auf die Untersuchung narrativer Raumkonstitution in transnationaler Perspektive und möchte neben historischen Konstellationen auch exemplarisch die aktuelle Situation mit einbeziehen. Eine Grundannahme ist dabei, dass sich Räume wie die Westukraine oder Bosnien als Teile dreier Vielvölkerreiche (Österreich-Ungarn, Russisches Reich und Osmanisches Reich) von national geprägten Regionen dadurch unterscheiden, dass sie lange Zeit so genannte vormoderne und nicht-nationale Organisationsformen von Gemeinschaften inkorporierten (Snyder 1999 und Diner 2006). Solche transterritorialen, imperialen Reiche ließen innerhalb ihrer Grenzen mehr oder weniger offen multiethnische, kulturell und religiös heterogene ‚Untertanen’ zu, die von keinem Zentrum aus definiert wurden, weshalb Grenzen zwischen Ethnien, Kulturen und Religionen weniger klar und deutlich durch zentrale Institutionen gezogen wurden (Anderson 2005, 27), sondern diese ‚Untertanen’ innerhalb vormoderner Körperschaften mehr oder weniger erfolgreich untereinander Grenzen und Gesetze aushandelten, die in nationalen Territorien der Staat selbst zog.

Studien zu Integrationsprozessen in Zeiten von Globalisierung und Migration bemühen gerne diese historischen europäischen multiethnischen und multireligiösen Gebiete als Vorbilder. Die Westukraine (Ostgalizien) ist aber seit Jahrhunderten ein multiethnisches Gebiet und unterscheidet sich damit von einem Multikulturalismus neuerer Provenienz, wie er durch Migration in kolonialer und postkolonialer Zeit in diesem und im letzten Jahrhundert hervorgerufen wurde (Hann 2006).

Der Workshop möchte einen Austausch über Projekte zu Galizien (bzw. Westukraine) sowie Bosnien, die an den Universitäten Konstanz, Tübingen sowie Wien derzeit laufen, initiieren.

Der Workshop ist in die Panels „Kulturelle Grenzziehungen und -überschreitungen in vormodernen Imperien und modernen Nationen“, „Konkurrierende Narrative“ sowie „Mehrsprachigkeit“ gegliedert.

  1. Das Panel „Kulturelle Grenzziehungen und -überschreitungen in vormodernen Imperien und modernen Nationen“ versucht, den Besonderheiten von Vielvölkerimperien sowie den Unterschieden zwischen historisch gewachsenen multiethnischen Strukturen und den heutigen Phänomenen von Transmigration und Migration nachzugehen. Die Westukraine und Bosnien konstituieren sich historisch als Räume ethnischer und nationaler (positiver wie negativer) Spannungen, die Grenzräume mit transkulturellen Identitäten hervorbringen. Diese Grenzräume können wiederum modellhaft als Schlüssel zu vielen kulturellen und transkulturellen Phänomene – die beispielsweise in soziale Bereiche ausstrahlen - dienen. Moderne Szenarien der Multikulturalität plädieren hier gerne und häufig für Entgrenzung, Grenzüberschreitungen und die positive Kraft von Hybridisierungen. Im Zusammenhang mit der Fragestellung wäre aber auch danach zu fragen, ob es Formen der Grenzschließungen und Begrenzung gibt, die sich nicht von vorneherein negativ auf gesellschaftliches und kulturelles Miteinander auswirken. Und welche Gruppen partizipieren an einem solchen Aushandeln von Grenzen, welche sind ausgeschlossen? Welche kulturellen oder religiösen Konversionen finden statt. Welche Faktoren (Religion, Urbanität, Nationalität vs. Ethnizität etc.) sind beim Aushandeln von solchen Grenzen bedeutsam?
  2. Das zweite Panel „Konkurrierende Narrative“ wirft einen komparatistischen Blick auf die konkurrierenden kulturellen Erzählungen und ihre Interdependenz. Hier sollen die Relation zwischen Narrativen und Gegennarrativen analysiert und Hierarchien und Voraussetzungen der Narrative erfasst werden. Erzähltheoretische Methoden sollen dabei helfen, sich kulturtheoretischen Fragen anzunähern: Hierzu bieten sich Analysen von Personen, Orten (Zentrum-Peripherie, marginal(isiert)e, re-mythisierte Orte) in einem von nationalen, religiösen oder sozialen Narrativen aufgeladenem Raum an. In der Beschreibung verschiedener narrativ konstituierter Grenzerzählungen, die alle in einem Raum angesiedelt sind, werden Modi kultureller Kommunikation (oder deren Abwesenheit) sichtbar. Literatur wird in vielen Texten unter dem Druck des nation-building zu einem literarischen Raum, in dem sich ethnische Gruppen selbst beschreiben oder auch ihre Stellung in einem Kollektiv bestimmen. Der literaturwissenschaftliche Zugang ermöglicht eine Meta-Reflexion über den Umgang mit diesen kulturellen Grenzbestimmungen.
  3. Das letzte Panel untersucht die „Mehrsprachigkeit“ eines Raumes in der mündlichen und schriftlichen Kommunikation, die Darstellung von eigener und fremder Sprache sowie die Übersetzungsprozesse in literarischen Texten. Gerade die Vielsprachigkeit transnationaler Imperien scheint der Herderschen Idee von der Einheit von Sprache, Nation und Literatur entgegenzustehen und damit „Modernität“ zu verhindern. In diesem Panel wird es somit auch um Fragen der Sprachpolitik und Sprachideologie gehen, aber auch um Medialität: Wie wird das Phänomen funktionaler mündlicher Vielsprachigkeit im Alltag in schriftliche Literatur übertragen? Was passiert bei diesem Medienwechsel in die Schrift? Welche Hierarchien entstehen durch das erscheinen fremder und anderssprachiger Sprachen und Schriften in einsprachigen Texten? Wie verlaufen die Versuche, einzelnen marginalisierten Sprachen den Status einer modernen Literatursprache zu verschaffen (Jiddisch, Ukrainisch)?

Der Teilnehmerbeitrag besteht jeweils aus einem Text von max. 20 Seiten, der einige Wochen vor der Veranstaltung an alle weiteren Teilnehmer verschickt wird. Im Workshop selbst wird jeder Beitrag innerhalb von jeweils vierzig Minuten besprochen. Dabei stellt jeder Teilnehmer das Thema seines Beitrages innerhalb der ersten zehn Minuten vor, während die restliche Zeit der allgemeinen Diskussion vorbehalten bleibt.

Falls Sie als Gast an unserem Kulturgrenzen-Workshop teilnehmen möchten und ebenfalls gerne die Teilnehmerbeiträge im Vorfeld der Veranstaltung lesen würden, wenden Sie sich bitte an Katharina Schwitin.

26.-28. November 2009, 14 Uhr s.t.
Universität Konstanz, Raum Y 310

Kontakt

Katharina Schwitin katharina.schwitin[at]uni-konstanz.de
Dr. Alexander Kratochvil alexander.kratochvil[at]uni-konstanz.de


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