Universität KonstanzExzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“

Hans Belting – Perspektive in neuem Licht

8. November 2007

Am 7.11. stellte der Kunstwissenschaftler Prof. Dr. Hans Belting in seinem Vortrag „Blickwechsel zwischen zwei Kulturen: Perspektive als arabische Seh-Theorie und als westliche Bild-Theorie“ einige Hauptthesen aus seinem in Kürze erscheinenden neuen Werk vor.

Damit eröffnete er eine neue Runde des Kulturwissenschaftlichen Kolloquiums, das fortan der Sonderforschungsbereich „Norm & Symbol“ und der Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ gemeinschaftlich veranstalten.

Wie hängen arabische Mathematik und westliche Kunst der Renaissance zusammen? Um diese Frage zu beantworten, erinnerte Hans Belting zunächst an den arabischen Mathematiker Ibn Al-Haitham, auch bekannt als Alhazen. Er hatte im 11. Jahrhundert ein Buch verfasst, das die bis dahin maßgeblichen antiken Theorien des Sehens auf ein neues, mathematisch begründetes Niveau heben sollte. Begünstigt wurde dieser Erfolg laut Belting dadurch, dass Alhazen in einer bilderlosen – weil islamisch geprägten – Welt lebte. Primärer Gegenstand seiner Reflexion sei demnach nicht die Frage nach der Wirklichkeit des Bildes im Auge des Betrachters gewesen, sondern die Beschaffenheit des Lichts und seine Streuung im Raum.

Innerhalb kurzer Zeit sollte das „Buch der Optik“, dessen lateinische Übersetzung zuerst „Buch der Perspektive“ gelautet hatte, zu einem berühmten, in der arabischen wie in der westlichen Welt vielfach rezipierten Standardwerk werden. So zählen etwa Roger Bacon, Filippo Brunelleschi oder Leon Battista Alberti nachweislich zu seinen Lesern. Wenngleich die in der Kunst der Renaissance entwickelte Zentralperspektive auf den mathematischen Überlegungen Alhazens aufbaute, wurde sein Werk aber zunehmend marginalisiert. Der explizite Bezug auf die Antike ließ den Einfluss arabischer Gelehrter mehr und mehr in Vergessenheit geraten.

In der Folge teilen europäische und arabische Kultur zwar dieselben mathematischen Theorien, wenden sie aber auf verschiedene Art und Weise an. Dabei vollzieht sich eine komplexe Verflechtung von weltanschaulich-religiösen, wissenschaftlichen und künstlerischen Entwicklungssträngen. Was diese Kulturgeschichte der Perspektive in den Augen Beltings interessant erscheinen lässt, ist zweierlei: Zum einen erlaube sie ein genaueres Verständnis der kulturellen Spezifika von Orient und Okzident; zum anderen werfe sie ein neues, sehr viel weniger originelles Licht auf die italienische Renaissance.

Ob sich dieser Blickwechsel konsequent aufrechterhalten lassen wird, muss sich allerdings erst noch erweisen. Wir dürfen also auf die bevorstehende Buchveröffentlichung von Hans Belting gespannt sein...


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