Universität KonstanzExzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“

Zeitkulturen: Wie erfahren Menschen Zeit?

9. Mai 2008

Die Zeit steht im Mittelpunkt des Doktorandenkollegs „Zeitkulturen“, das dem Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ der Universität Konstanz angehört. Seine Forschungen lassen auch interessante Rückschlüsse auf Zeitwahrnehmung im Alltag zu. Derzeit arbeiten acht Nachwuchswissenschaftler in dem Kolleg. Bis Jahresende werden dort 10 weitere Stellen besetzt.

Konstanz, 8.5. 2008: Ein Interview mit PD Dr. Niels Petersson, dem wissenschaftlichen Koordinator des Doktorandenkollegs

Red.: Was verbirgt sich hinter dem Titel des Doktorandenkollegs „Zeitkulturen“?

Petersson: Wir befassen uns mit der Frage, wie Menschen mit der Zeit umgehen. Denn die Zeit ist ja nicht einfach so gegeben. Sie wird auf ganz unterschiedliche Weise erlebt, teilweise auch aktiv gestaltet. Manchmal scheint sie schnell, manchmal langsam zu verlaufen. Menschen machen Erfahrungen der Beschleunigung ebenso wie des Stillstands.

Zeit, wie wir sie erfahren und selbst prägen, variiert von Epoche zu Epoche und von Individuum zu Individuum. Mehr noch, sie ändert sich wohl jedes Mal, wenn wir in eine andere soziale Rolle schlüpfen, was im normalen Tagesablauf des Öfteren passiert.

Red.: Redewendungen wie „die Zeit schien stillzustehen“ oder „die Stunden vergingen wie im Fluge“ deuten auf solch individuell unterschiedliche Zeiterfahrungen. Inwiefern lässt sich dies als „kollektive Zeitwahrnehmung“ auch auf Gruppen- oder Gesellschaftsebene beobachten?

Petersson: Gesellschaftliche Ordnungen sind häufig Zeitordnungen, d.h. sie bestimmen, wer wann was tun oder unterlassen muss. Religionen und politische Ideologien – auch darum geht es in dem Doktorandenkolleg – versuchen, der Gegenwart im Hinblick auf Vergangenheit und Zukunft einen Sinn zu verleihen. Zeitordnungen und -vorstellungen dienen einerseits der Koordination und Verständigung. Andererseits leben auch innerhalb einer Gesellschaft Menschen nach ganz verschiedenen Zeitordnungen, also verschieden rhythmisierten Tagesabläufen. Sie statten die Zeit mit unterschiedlichen Bedeutungen aus und verweisen auf unterschiedliche Referenzpunkte – Profit oder Seelenheil in der Zukunft, intensives Erleben der Gegenwart oder Bewahrung und Reaktualisierung von Traditionen.

Red.: Wie können wir uns solch unterschiedliche gesellschaftliche Zeitordnungen vorstellen?

Petersson: In der frühneuzeitlichen Stadt in Deutschland stießen beispielsweise Zeitordnungen dort unmittelbar aufeinander, wo Menschen unterschiedlicher Konfessionen zusammenlebten. Feiertage waren für die eine Gruppe verbindlich, für die andere nicht. Dementsprechend fühlten sich die einen in ihrer Andacht gestört, wenn die anderen zeitgleich ihrem Handwerk nachgingen, und dies dann auch gerne besonders ostentativ.

Ein interessantes Beispiel, wie Zeitmodelle einander ablösen, ist die Industrialisierung; denn sie brachte eine ganz neue Art und Weise mit sich, Zeit zu gestalten und zu ordnen. Man sagt, in der Industrialisierung haben sich die Orte von Arbeit und Freizeit getrennt, jedoch müsste man noch einen Schritt weiter gehen: Zugleich wurde eine Zeit, in der nur gearbeitet wurde, getrennt von einer, in der nicht gearbeitet wurde. Die Arbeit in der Fabrik erforderte es, dass alle Arbeiter gleichzeitig vor Ort anwesend waren. Darüber hinaus mussten sie sich an Pünktlichkeit und geregelte Arbeitszeiten, an den Rhythmus von Maschinen gewöhnen.

Die nunmehr kollektiv verbindliche Ordnung wurde einerseits mit Strafandrohung und finanziellen Anreizen durchgesetzt. Andererseits halfen auch ganz normale Gewöhnungseffekte dabei mit, die neue Zeitordnung zu etablieren.

Red.: Wo lässt sich Ähnliches in der Gegenwart beobachten?

Petersson: Eines der Projekte im Doktorandenkolleg untersucht, wie die unterschiedlichen vorgegebenen Rhythmen des politischen Lebens in den Staaten der EU – die Rhythmen der Wahlen, die Amtszeiten der Regierungen und Legislaturperioden der Parlamente – miteinander und gegeneinander wirken. Wie beeinflussen diese Rhythmen, wie das politische Leben Europas in den einzelnen Ländern erfahren wird? Lassen sich so Koordina­tionsprobleme beim Integrationsprozess erklären?

Es geht also darum, welche Auswirkung politische „Eigenzeiten“ auf die Einstellung der Bürger gegenüber der EU-Integration als möglicherweise „zu schnell“ und damit auch auf die tatsächliche Integrationsgeschwindigkeit in Europa haben.

Red.: Welche Faktoren beeinflussen eine derartige „kollektive Zeitwahrnehmung“?

Petersson: Eigentlich geht jede größere soziale Veränderung mit einem Wandel in der Zeitwahrnehmung einher. Insofern lassen sich in allen gesellschaftlichen Bereichen auch immer entsprechende Faktoren finden:
Beispielsweise erleben wir heute in der Wirtschaft, wie sich Abläufe durch das Internet beschleunigen, u.a. weil sich Transportzeiten für Nachrichten wesentlich verkürzen. Auch religiöse und politische Orientierungen können den Zeitbezug bestimmen – etwa das Leben im Hinblick auf die erwartete Wiederkehr des Messias oder auf die Weltrevolution.

Ein Konstanzer Forschungsschwerpunkt ist zu fragen, wie gesellschaftliche Abläufe durch Medien und Instrumente strukturiert werden, ein vielversprechender Ansatz auch für Zeitforschung: Man kann z.B. untersuchen, wie das politische Leben durch die Zeitung und Fernsehnachrichten rhythmisiert wird, wie Zeiten der Nachrichtendichte und solche der –ruhe entstehen. Derartige Zeitfenster werden bewusst ausgenutzt, etwa indem schlechte Nachrichten gern am Freitagnachmittag während der Fußballweltmeisterschaft verkündet werden.

Der lang etablierte Rhythmus wird inzwischen jedoch durch Internet-Journalismus und Blogs unterlaufen, sodass es eine nachrichtenfreie Zeit in dem Sinne für uns nicht mehr gibt.
Übrigens haben auch Apparate der Zeitmessung durchaus einen Einfluss, der über die reine Feststellung von Zeitabläufen hinausgeht. Abgesehen von ihrem Symbol-Charakter – man denke z.B. an die zerfließende Uhr von Dalí – darf nicht unterschätzt werden, welch wichtige Rolle die weltweite Koordination dieser „Zeitmesser“ spielte. Erst im 19. Jh. wurde erreicht, dass die Uhren landesweit gleich gingen. Und eine Weltzeit setzte sich nicht vor dem ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jh. durch.

Red.: Gab es in der jüngeren Geschichte Versuche, die gesellschaftliche Wahrnehmung von Zeit zu beeinflussen?

Petersson: Ich habe schon über die Geschichte der Industrialisierung gesprochen als ein Beispiel dafür, wie Menschen an die Maschinenzeit gewöhnt wurden. Heute lässt sich die Geschichte weitererzählen, weil wir gegenwärtig die Auflösung dieser Zeitordnung erleben: Freizeit und Arbeitszeit durchdringen einander nicht zuletzt aufgrund neuer Technologien immer mehr. Beispiel Internet: Viele Menschen surfen in der Arbeitszeit im Internet. Via Internet verfolgt die Arbeitszeit sie aber auch nach Hause, in die Freizeit hinein. Zumindest Letzteres wird mittlerweile oft explizit gewünscht: Der Arbeitnehmer soll immer erreichbar sein und zur Verfügung stehen, d.h. diese Trennung zwischen Arbeits- und Freizeit wieder aufgeben. In eine ähnliche Richtung zielt die Forderung, der Arbeitnehmer solle sich in der Freizeit – für seinen Beruf – durch Sport oder Weiterbildung fit halten. Auch das wird wieder mit wirtschaftlichen Anreizen durchgesetzt.

Red.: Das Konzept eines kulturell bedingten, heterogenen Zeituniversums widerspricht der naturwissenschaftlichen Vorstellung von Zeit als exakt messbarer Größe. Inwiefern lassen sich beide Vorstellungen vereinbaren?

Petersson: Vorweg sei bemerkt, dass auch unter den verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen alles andere als einheitliche Grundannahmen über Zeit herrschen. Die interdisziplinäre Natur unseres Kollegs bringt dies deutlich zutage. Handelt es sich bei Grundbe­griffen wie Zeit und Raum um reine Konstrukte, an denen gar nicht ihre Realität interessiert, die ohnehin nicht fassbar ist, sondern die je andere Art, wie sie konstruiert werden? Oder hat man es letztlich mit dem Menschen unzugänglichen Gegebenheiten zu tun, die man zwar unterschiedlich interpretieren, aber nicht grundsätzlich beeinflussen kann? Das ist beispielsweise ein echter Streitpunkt zwischen Politologen und Literaturwissenschaftlern.

Als Historiker, der ich mich gleichermaßen dem kritischen Fragen wie dem Common Sense verpflichtet fühle, sehe ich keinen Grund, die Zeit als messbare Größe, wie die Uhr sie anzeigt, in Frage zu stellen. Ich sehe aber andererseits so viele verschiedene Möglichkeiten, wie man mit dieser Zeit umgehen kann, d.h. sie sozial in Ordnungen umsetzen, kulturell mit Bedeutung aufladen kann. Daraus schließe ich, dass man Gesellschaften kaum erforschen kann, ohne auch ihre jeweiligen „Zeitkulturen“ zu berücksichtigen.

Red.: Zeit ist die Basis aller historisch arbeitenden Wissenschaften. Was bedeutet das Konzept einer „modellierten Zeit“ für Ihre Arbeit als Historiker?

Petersson: An der bewährten Sortierung historischer Abläufe auf einer Zeitskala ändert sich für den Historiker auch durch den Gedanken einer kulturell modellierten Zeit nichts. Auch Kausalität impliziert natürlich weiterhin immer ein Vorher und Nachher, d.h. eine vorausgehenden Ursache und eine darauf folgende Wirkung.

Aber es treten natürlich neue Fragen hinzu, welche Zeitbezüge und -erfahrungen denn für Menschen in unterschiedlichen Epochen maßgeblich sind: Wie sieht die Zeit, in der sie leben, für sie selbst aus? Mittels welcher Medien und Apparate wird sie gestaltet? Welche Bedeutung wird ihr gegeben? Gibt es Konflikte über zeitliche Orientierung, über die Rhythmen und Geschwindigkeiten des Lebens?

In den großen Entwürfen politischer Gesellschaftsveränderungen, die für die späte Neuzeit charakteristisch sind, wird der erstrebte Wandel immer auch mit einer zeitlichen Dimension ausgestattet. Wie schnell so ein Wandel vor sich gehen soll, bestimmt, welche Opfer dafür nötig sind, wie destruktiv mit bestehenden gesellschaftlichen Strukturen umgegangen werden soll, d.h. wie radikal der Bruch mit dem Bestehenden stattfinden soll, um das Neue zu verwirklichen.

Das Interview führte Claudia Marion Amann.


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