Universität KonstanzExzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“

Prof. Dr. Dieter Groh †

6. August 2012

Dieter Groh

Nachruf der Universität Konstanz, des Fachbereichs Geschichte und Soziologie sowie der Geisteswissenschaftlichen Sektion

Dieter Groh, 1974 auf den Lehrstuhl für Neuere Geschichte der Universität Konstanz berufen, prägte bis zu seiner Emeritierung 1997 Forschung und Lehre im Fachbereich Geschichte und Soziologie, unter anderem 1985 bis 1987 als Dekan der Philosophischen Fakultät. Er machte die noch junge Universität Konstanz weit über ihre Grenzen hinaus bekannt, lehrte und forschte an der Maison des Sciences de l’Homme und der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris, als außerordentlicher Professor an der Universität Paris-Nanterre und als Gastprofessor an den Universitäten St. Gallen, Bern und der ETH Zürich.

Die Breite seines Oeuvres – von der Geschichte der Arbeiterbewegung bis zur Universalgeschichte – ist beeindruckend, was sich nicht nur an der Herausgeberschaft der „Propyläen-Geschichte Deutschlands“ ablesen lässt: Die osteuropäische Geschichte verdankt Groh mit seiner 1988 bei Suhrkamp erneut aufgelegten Dissertation „Rußland im Blick Europas“ (1961) einen zentralen Bezugspunkt, Sozialhistorikern ist er als Herausgeber etlicher Klassiker im Rahmen der „Sozialgeschichtlichen Bibliothek“ und aufgrund seiner umfangreichen Forschungen zur Sozialdemokratie ein Begriff, der er sich in seiner 1973 erschienenen Habilitationsschrift „Negative Integration und revolutionärer Attentismus“ widmete.

Seine Grenzgänge zwischen Geschichte und Anthropologie und seine Offenheit für geschichtstheoretische Fragen, die er zuweilen mit Lust an Ironie abhandelte („Why do bad things happen to good people?“ 1987), inspirierten Kollegen auch aus der Philosophie, Soziologie und Ethnologie. Und nicht zuletzt bereiteten die in symbiotischer Zusammenarbeit mit seiner Frau Ruth Groh seit Beginn der 1990er Jahre verfassten Studien „Zur Kulturgeschichte der Natur“ einer kritischen und hochreflektierten kulturwissenschaftlichen Wissenschaftsgeschichte den Weg, der er bis in seine jüngsten Werke hinein treu blieb.

Mit „Schöpfung im Widerspruch“ (2003) und „Göttliche Weltökonomie“ (2009) legte Groh noch lange nach seiner Emeritierung zwei gewichtige Darstellungen zur Geschichte von Natur- und Menschenbildern von den Kirchenvätern bis ins 17. Jahrhundert vor, die deutlich machen, wie sehr er sich bis zuletzt der Wissenschaft als Lebensform verschrieben hatte. Von Grohs intellektuellen Spuren zeugen zahlreiche Schüler in Wissenschaft und Publizistik, die seine Art des Denkens inner- und außerhalb der Universitäten weiterführen. Ob als akademischen Lehrer, als Leiter diverser Forschungsprojekte, als Kollegen oder als Freund – die Mitglieder des Fachbereichs werden ihn sehr vermissen. Seiner Frau Dr. Ruth Groh, ihren beiden Söhnen und allen Angehörigen gilt unsere tief empfundene Anteilnahme.


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