Universität KonstanzExzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“

Viel Forschungspotential

9. Februar 2010

Prof. Aleida Assmann

Prof. Aleida Assmann

Forschungsgruppe „Geschichte + Gedächtnis“ im Dezember 2009 feierlich eröffnet

Die Forschungsgruppe „Geschichte + Gedächtnis“ wurde am 8. Dezember 2009 feierlich eröffnet. Eingerichtet wurde sie von Prof. Aleida Assmann mit Mitteln aus dem Preisgeld des Max-Planck-Forschungspreises, mit dem die Konstanzer Literatur- und Kulturwissenschaftlerin im vergangenen Februar für ihre interdisziplinär angelegte Pionierarbeit auf dem Forschungsfeld der Gedächtnisgeschichte ausgezeichnet wurde.

Dass Aleida Assmann als eine der Vorreiterinnen der interdisziplinären, kulturwissenschaftlichen Forschung gilt, betonte auch der Rektor Prof. Ulrich Rüdiger in seinem die Veranstaltung eröffnenden Grußwort. Er machte darauf aufmerksam, dass der interdisziplinäre Zugang, der für Aleida Assmanns Forschungen insgesamt kennzeichnend ist, bereits früh im Arbeitskreis „Archäologie der literarischen Kommunikation“ seinen Ausdruck fand. Diesen Arbeitskreis hat die Preisträgerin gemeinsam mit ihrem Ehemann Prof. Jan Assmann im Jahr 1979 an der Universität Heidelberg etabliert. In den Tagungen und Sammelbänden des Arbeitskreises finde sich bereits das Motiv, die Erforschung der Literatur in einen weiten kulturwissenschaftlichen Rahmen zu stellen und nach der sozialen, historischen und kulturellen Einbettung von Texten zu fragen. Und hier seien auch die Grundlagen gelegt worden für die Theorie des „kulturellen Gedächtnisses“, mit der Aleida und Jan Assmann einen ausgesprochen einflussreichen Beitrag für die Erinnerungsforschung geleistet haben, der in zahlreiche Disziplinen des kulturwissenschaftlichen Fächerspektrums ausstrahlt.

Wie Aleida Assmann ist auch Dr. Nina Fischer, die wissenschaftliche Koordinatorin der Forschungsgruppe, Literaturwissenschaftlerin. Sie wird unter anderem über „Migration and Memory in Jewish-Australian Writing“ forschen. Als Leiterin der Forschungsgruppe konnte die Politikwissenschaftlerin und Zeithistorikerin Dr. habil. Birgit Schwelling gewonnen werden. Ihr Projekt wird sich mit „Europäischen Räumen der transnationalen Verständigung zwischen Kriegserfahrung und Integration“ beschäftigen. Zum Forschungsteam gehört außerdem die Historikerin Dr. Christine Axer, die zum Thema „Wie europäisch ist Spanien? Spanien und der Holocaust als europäischem Gründungsmythos“ arbeiten wird. Im Januar 2010 ist Dr. Marco Duranti von der Yale University dazu gekommen. Auch er beschäftigt sich mit einem Projekt zum „27. Januar als europäischem Gedenktag“ mit Erinnerungen auf europäischer Ebene, einem der Schwerpunkte der Forschungsgruppe. Weitere Stipendiaten und Fellows, insbesondere aus dem Ausland, werden folgen.

„Erinnerung“ und „Gedächtnis“ sind Begriffe, deren integratives Potential im Sinne der Zusammenführung verschiedener Disziplinen und der Initiierung eines Fächer übergreifenden Dialogs kaum zu überschätzen sind. Dies mache die Erinnerungsforschung zu einem „besonders zukunftsträchtigen“ Forschungsfeld, wie Aleida Assmann in ihrer Einführung unter Bezugnahme auf die Würdigung durch die Max-Planck-Gesellschaft betonte. Das in der Erinnerungsforschung angelegte Potential zum interdisziplinären Dialog zeigt sich auch in der Zusammensetzung der Forschergruppe, deren Mitglieder Aleida Assmann vorstellte (siehe Kasten). Hier kommen Vertreterinnen und Vertreter unter anderem aus der Politikwissenschaft, der Literatur- und Geschichtswissenschaft, der Philosophie und den Medienwissenschaften zusammen.

Ebenfalls zum Forschungsteam zählt als langjähriger internationaler Kooperationspartner Prof. Jay Winter von der Yale University, der seinen Festvortrag über ‚Die soziale Konstruktion des Schweigens’ hielt. Winter plädierte dafür, das häufig binär gedachte Verhältnis von Erinnern und Vergessen durch eine dritte Kategorie – das Schweigen – zu ergänzen. Er definierte „Schweigen“ als sozial konstruiert und trat für eine Annäherung an das Schweigen ein, das dieses nicht von vornherein negativ konnotiert. Schweigen sei vielmehr als moralisch neutraler Begriff zu verstehen, ein Verhalten, das in bestimmten gesellschaftlichen und politischen Situationen dem Reden durchaus vorzuziehen sei. Winter dachte dabei insbesondere an Situationen des politischen Umbruchs, ebenso an die Vergegenwärtigung von Kriegs- und Gewalterfahrungen.

Die Vergegenwärtigung und Thematisierung schwieriger, weil moralisch fragwürdiger Episoden der Geschichte von Nationen oder anderen Gemeinschaften kann problematisch sein und zur Untergrabung der Autorität und Legitimität von Regimen führen. Insofern könne das Schweigen auch als eine Art Versicherung interpretiert werden, deren sich Menschen bedienen, um die bestehende Ordnung zu schützen und aufrechtzuerhalten, auch auf Kosten der Wahrheit. Die Geschichte zeige aber auch, dass ein solches, politisch motiviertes Schweigen fragil und daher meist nicht von langer Dauer sei. Erinnerungsaktivisten spielen im Prozess des Brechens sozial und politisch vereinbarten Schweigens eine zentrale Rolle.

Die Forschungsgruppe hat für die kommenden Jahre zahlreiche Aktivitäten geplant. Dazu zählt das „Konstanzer Kolloquium zur Erinnerungsforschung“, das in der Vorlesungszeit regelmäßig stattfinden wird. Geplant sind auch internationale Tagungen zu den Themen „Silence“, „Empathy“ und „The Future of Memory Studies“ sowie Workshops zu verschiedenen Themen im Forschungsfeld „Geschichte + Gedächtnis“.


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