Universität KonstanzExzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“

Ich will, ich kann. Von Thomas Steinfeld

22. August 2016

Cover

Moderne und Selbstoptimierung
Konstanz: Konstanz University Press 2016
Zitation

Kleinere Denker gibt es, die wie Katalysatoren wirken: Wo die großen Gelehrten ein Werk besitzen, das eine intensive Beschäftigung begründet, fungieren die kleineren als Vermittler und Scheider. Deshalb lässt sich an ihnen leichter ermessen, wie sich einzelne Gedanken zu Theorien fügen und Theorien zu intellektuellen Bewegungen. Eine solche Gestalt war Broder Christiansen (1869–1958): Er war ein Schüler Heinrich Rickerts und kam aus dem Neukantianismus, wandte sich dann aber, wie so viele andere seiner Generation, dem Vitalismus und einer praktisch verstandenen Lebensphilosophie zu – und geriet von dort in die Graphologie, in die sprachliche Stillehre und schließlich in eine seltsam gottlose Mystik.

Christiansen mag ein Sonderling gewesen sein und dabei nicht einmal sehr originell. Doch sein Einfluss war gewaltig: Er war einer der ersten Lehrer der Selbstoptimierung. Auf ihn können Ideologien des self-growth bis auf den heutigen Tag zurückgeführt werden. Er gehörte zum intellektuellen Umgang Hermann Hesses und bekannter nationalsozialistischer Schriftsteller. Er inspirierte den Russischen Formalismus und übte auf diesem Wege entscheidenden Einfluss auf den Strukturalismus aus. Er gehörte zu den Vertrauten Rudolf Carnaps und wirkte an der Entstehung des Logischen Empirismus mit. Seltsame, überraschende Zusammenhänge sind das, an denen sich nicht nur das intellektuelle Profil einer Zeit nachzeichnen lässt, sondern an denen sich auch erstaunliche Verbindungen aufzeigen lassen, bis hin zu den Ursprüngen des Wiener Kreises in Versuchen zur mentalen Hygiene.

Thomas Steinfelds Essay entwirft, zum ersten Mal, ein Bild dieses Mannes und seines Werks, in dem das Wunderliche wie das Prägnante an dieser Existenz ebenso erkennbar wird wie der unauflösbare Zusammenhang von Moderne und Selbstoptimierung. Ein unbekanntes Kapitel aus der Geschichte der Erfolgsbilanzen und Leistungsideologien. (Verlag)

Prof. Dr. Thomas Steinfeld ist Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung für Südeuropa und Lehrbeauftragter für Germanistik an der Universität Kiel. Der vorliegende Essay ist während seines Gast-Aufenthaltes am Kulturwissenschaftlichen Kolleg Konstanz entstanden.


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