Universität KonstanzExzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“

Journal No. 1 – einem verschollenen Film auf der Spur

19. Juni 2008

Mit ihrer Video-Installation Journal No. 1 – an Artist’s Impression (2007, 21 min) begibt sich die Filmemacherin Hito Steyerl auf Spurensuche nach einem im Jugoslawien-Krieg verschollenen bosnischen Film aus dem Jahr 1947. Jene Arbeit ist ab 28. Juni im Gewölbekeller des Kulturzentrums am Münster zu sehen. Zum Auftakt diskutieren Jurij Murašov, Slavistik-Professor an der Universität Konstanz, und die Videokünstlerin am 27. Juni um 21 Uhr im Foyer des Kulturzentrums über Kunst im Krieg sowie die (Un-)Möglichkeit ihrer Rekonstruktion.

Konstanz, 19. 6. 2008: Was geschah mit den Filmrollen der Wochenschau Filmjournal No. 1? Verbrannten sie tatsächlich an der bosnischen Frontlinie im Jugoslawien-Krieg? Oder wurden sie von Serben nach Belgrad verschleppt, wie manche Zeitzeugen behaupten? Immerhin handelte das Filmjournal No. 1 von einer unter Tito durchgeführten Alphabetisierungskampagne unter muslimischen Frauen und Mädchen. Durch diese Kampagne gelang es, die Analphabetenrate in Bosnien von ca. 75% vor dem 2. Weltkrieg auf ca. 25% zu senken. Würde es daher verwundern, wenn die gegnerische Seite versuchte, diese Art Kulturgut in ihren Besitz zu bringen?

Hito Steyerl verfolgt die Spur des Films am damaligen Ort des Sutjeska Studios in Sarajevo, wo die Wochenschau archiviert wurde. Sie befragt Augenzeugen, lässt sich das zerstörte Filmarchiv zeigen. Zerbrochene Filmdosen liegen auf dem Boden, ein Wirrwarr aus kaputten Filmrollen. Diese können buchstäblich nicht mehr zum Laufen gebracht werden. Sie bilden, wie das Journal No. 1, eine Lücke in der Filmgeschichte des Landes. In diesen Bildern deutet sich an, dass der tatsächliche Verbleib der Filmrollen die Videokünstlerin nur in zweiter Linie interessiert. Viel wichtiger ist es ihr, sich auf die Suche nach den verlorenen Geschichten zu machen. Die Leerstelle, die das verschwundene Filmjournal hinterlassen hat, versucht sie, mit Erinnerungsbildern zu füllen.

So rekonstruieren Devleta Filipović und Halid Bunić, beide Mitarbeiter der Bosnischen Kinothek in Sarajevo, Szenen des fehlenden Films aus dem Gedächtnis. Diese beiden deutlich unterschiedlichen Erinnerungsbilder setzt der Zeichner Arman Kulašić in zwei Skizzen um. Der Zuschauer sieht ihm beim Zeichnen über die Schulter: Ein einfacher Schulraum mit einer Tafel, Schulbänken, Frauen mit traditionellen bosnischen Kopftüchern.

Der Film arbeitet mit Splitscreen, einer doppelten Projektion, sodass das Publikum stets zwei Versionen vor Augen hat. So rekonstruiert Steyerl mit filmischen Mitteln eine fragmentierte und beschädigte (Film-) Geschichte: An Artist’s Impression. Doch Steyerl bleibt bei der Rekonstruktion nicht stehen. Sie kommentiert und kontrapunktiert die Erinnerungsarbeit der Augenzeugen mit Szenen und Tonspuren aus erhaltenem Filmmaterial – dem Partisanenfilm Walter rettet Sarajevo, Emir Kusturicas Erinnerst du dich an Dolly Bell? sowie einem (anderen) Filmjournal. Rekonstruktion und Konstruktion in einem, verschmelzen in An Artist’s Impression Erinnerung und Interpretation.

Und auch den divergierenden Zeugenberichten wird eine weitere Erzählebene zur Seite gestellt: Denn Arman Kulašić, jener Zeichner, bleibt kein Außenstehender, kein Unbeteiligter. Dem rekonstruierten Schulraum als Ort der Alphabetisierung setzt er seine eigene Zeugengeschichte, seine eigene grausame Kindheitserinnerung entgegen. Seine Familie wurde im Jugoslawien-Krieg Opfer von ethnischen Säuberungen. Im dritten Klassenraum, den Kulašić zeichnet, geben die Lehrer ihren Schülern frei, um mit den anderen Ortsbewohnern Flüchtlinge mit Steinen bewerfen zu können. Als Ausgangsort von Barbarei bildet er den Gegenpol zu jenem fiktiven, als Ort der Aufklärung dargestellten Klassenraum im Filmjournal.

Hito Steyerl drehte die Video-Installation in Sarajevo im Rahmen eines Artist-in-Residence-Programms des Goethe-Instituts. Seit 2007 hat die Filmemacherin und Autorin eine Gastprofessur für experimentelle Film- und Videogestaltung (Neue Medien) an der Berliner Universität der Künste.

Die Ausstellung wird von der Konstanzer GALERIE DER SCHWARZE PUNKT in Kooperation mit dem Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ gezeigt.


Dateien:
Steyerl-Plakat_01.pdf587 Ki

Kontakt

Claudia Marion Voigtmann
Tel. 07531 88-4741
E-Mail claudia.voigtmann[at]uni-konstanz.de

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