Universität KonstanzExzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration

Gleichstellung in der Exzellenzinitiative: Was darf wo mit wem thematisiert werden?

Beim Thema Gleichstellung gibt es immer noch Tabus

Ein Veranstaltungsbericht von Brigitte Elsner-Heller
Grafitti: Studentinnen, Foto: Barney O´Fair, pixelio.de
Foto: Barney O´Fair, pixelio.de

„Das Cluster eröffnet neue Möglichkeiten, die Gleichstellung der Geschlechter in der Wissenschaft zu fördern“. Im Konstanzer Clusterantrag wurde die Gleichstellungsförderung als strukturelles Ziel auf wissenschaftlicher und institutioneller Ebene so formuliert. Wie es um die Wirksamkeit entsprechender Maßnahmen bestellt ist, wie sie überhaupt angemessen evaluiert werden können, darum ging es im Workshop „Gleichstellung in der Exzellenzinitiative“, der vom Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ zusammen mit dem Gleichstellungsreferat der Universität Konstanz durchgeführt wurde. Als Ziel steht dahinter, Förderinstrumente weiter zu entwickeln, wie Prof. Juliane Vogel, Gleichstellungsbeauftragte der Universität, herausstellte.

Mit vier Referentinnen hatte man externen Sachverstand ins Haus geholt: Prof. Dr. Regula Julia Leemann von der Fachhochschule Nordwestschweiz (Basel) berichtete von der geschlechtsspezifischen Analyse der Forschungsförderung durch den Schweizerischen Nationalfonds. Obwohl der Förderung durch den Nationalfonds insgesamt ein gutes Zeugnis ausgestellt werden konnte, ist doch ein „überproportionaler Verlust von Frauen“ bei Promotionen und Habilitationen feststellbar. In der Postdoc-Phase seien Frauen weniger mobil als Männer und weniger gut vernetzt. In Bezug auf Evaluationsmethoden wies Leemann auf die Bedeutung von Interviews mit Nachwuchsforschenden hin, um subjektive Erfahrungen und Kontexte mit erfassen zu können. Dies ermöglicht es, Erklärungen für den „Frauen-Verlust“ und unterschiedliche Karrierewege herauszuarbeiten und Fördermaßnahmen zielgenau zu gestalten.

Gleichheit vs. Differenz

Auch Susan Böhmer vom Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung brachte die Individualebene neben der institutionellen Ebene ins Spiel. Sie wies darauf hin, dass bei Evaluationen von Forschungsförderung (wie etwa des Emmy-Noether-Programms der DFG) neben Querschnitts- auch Längsschnittanalysen, also die zeitliche Entwicklung von Wissenschaftskarrieren, in das Design mit eingehen müssen. Um die Unterscheidung zwischen „Gleichheitsansatz“ und „Differenzansatz“ in der Gleichstellungsdebatte ging es zunächst im Beitrag von Dr. Andrea Löther (Center of Excellence Women and Science CEWS) und Dr. des. Elisabeth Maurer (Gleichstellungsbeauftragte der Universität Zürich). Mauer berichtete, dass in der Schweiz der Gleichheitsansatz die akzeptierte Variante sei. „Wir möchten die Frauen nicht extra hervorheben – dies ist auch für die Frauen nicht gut“, sagte sie.

Zur Sprache kam das teilweise „negative Labelling“ von Frauenförderprogrammen, das den Programmen und den geförderten Frauen aufgrund der hohen Anforderungen an die Qualität der Forschungsarbeiten jedoch nicht gerecht wird. Dann gibt es Fragen, die nicht gestellt werden dürfen. Etwa die, ob und wieso Frauen vielleicht länger für eine Promotion oder Habilitation gebraucht haben. (Zeitliche) Unterschiede in den Karrierewegen, die aus Kinderbetreuungsaufgaben oder auch einer mehr oder weniger intensiven Einbindung in Netzwerke resultieren, sind noch immer ein Tabuthema. Wie von Seiten des Gleichstellungsreferats herausgestellt wurde, hat Wissen über unterschiedliche Wege von Frauen und Männern, von WissenschaftlerInnen mit und ohne Kinder für eine effiziente und nachhaltige Gleichstellungsförderung jedoch hohe Bedeutung.

Was wir brauchen, sind frühe Indikatoren für Probleme oder Erfolgsverläufe. Wir gucken zu spät hin.

Für die Universität Konstanz und ihre Exzellenzeinrichtungen gilt es nach Prof. Dr. Sabine Sonnentag, Prorektorin für Forschung, sich angesichts der verschiedenen Ebenen der Evaluation für die Mikroperspektive zu entscheiden. Dabei sollte der Zugang zu verschiedenen Maßnahmen sowie deren Nutzung erfasst werden. Neben den Arbeitsbedingungen in einzelnen Institutionen müssten die größeren Lebenszusammenhänge verstärkt in den Blick genommen werden. Arbeitsergebnisse von Gruppen, der Universität als ganzer, aber auch von Einzelpersonen sind dabei relevant. „Was wir brauchen, sind frühe Indikatoren für Probleme oder Erfolgsverläufe“, resümierte Sabine Sonnentag. „Wir gucken zu spät hin.“

An der Universität Konstanz sollten die einzelnen Exzellenzeinrichtungen wie Exzellenzcluster, Graduiertenschule „Chemical Biology“ und das Zukunftskolleg einzeln evaluiert werden. Deutlich sei geworden, dass Evaluation aufwändig sei, methodisches Know-how erfordere, welches spezielle Kenntnisse von Hochschulen und Genderaspekten mit beinhalten müsse, wobei externe Expertise unerlässlich sei. Dass es immer noch Tabus gibt, Fragen, die nicht gestellt werden, war ein Ergebnis des Workshops. Sabine Sonnentag brachte das Phänomen auf die Kurzformel „Was darf wo mit wem thematisiert werden?“ und forderte einen neuen Umgang damit ein. Netzwerke, vor allem informelle, müssten universitätsintern verstärkt, Publikationsstrategien gefördert werden. Bei der Differenzförderung sei „möglicherweise ein starkes Umdenken nötig“, denn auch bei Förderprogrammen, die speziell auf Frauen zugeschnitten sind, gelten strikte Exzellenzkriterien.

Prof. Dr. Rudolf Schlögl, Sprecher des Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“, wurde grundsätzlicher, sprach vom „extremen Assimilationsdruck“, der mit dem Gleichstellungsprojekt verbunden sei:

„Bislang läuft es darauf hinaus, zu reparieren, zu helfen, wenn die Bedingungen für eine Inklusion in das Wissenschaftssystem nicht erfüllt werden. Man muss sich fragen, ob man weiterhin so agieren kann, oder sich nicht vielmehr darauf einstellen muss, dass auch die Inklusionsbedingungen sich ändern. Wir können nicht so tun, als würde die Wissenschaft dieselbe bleiben, wenn sie Frauen gleichstellt.“

Schlögl weitete das Thema um den Faktor „psychodynamischer Prozesse“ aus: „Wir werden eine andere Wissenschaft haben müssen.“